19.04.2011

biosyn: Mit der Meeresschnecke zum Erfolg

Fellbach – Die Schnecke zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte von biosyn. Das Unternehmen ist 1984 als eines der ersten bundesdeutschen Biotechnologie-Unternehmen an den Start gegangen. Der Schnecke verdankt biosyn einen Teil seines Erfolgs, so Dr. Thomas Stiefel am 19. April bei der Vorstellung des Biotechnologie-Reports 2010 in der Stuttgarter Börse durch Ernst & Young auf Einladung der BioRegion STERN. Dr. Stiefel stellte zu diesem Anlass das Geschäftsmodell der biosyn Arzneimittel GmbH in Fellbach bei Stuttgart vor. In aufwändiger und mühevoller Forschungsarbeit entwickelte das Biotechnologieunternehmen aus der trüben und blauen Hämolymphe der etwa handtellergroßen kalifornischen Meeresschnecke Megathura crenulata ein Medikament gegen Harnblasenkrebs.

Die Gründer Thomas Stiefel, Ortwin Kottwitz und der bereits verstorbene Harald Porcher setzen von Anfang an auf einen anderen Weg bei der Finanzierung ihres des Unternehmens: „Die aufwändige Forschung sollte von Anfang an durch Einnahmen getragen werden, die biosyn durch die Vermarktung von erworbenen Arzneimittelzulassungen, Lizenzen und Eigenentwicklungen von Medikamenten unter eigenem Namen erzielen wollte“, erläutert Stiefel. Das Know-how dafür hatten sie sich zuvor in der Pharmabranche erworben. Denn: Die Unternehmensgründer kommen nicht frisch von der Hochschule, sondern sie haben bereits erste Berufserfahrung. Risikokapital gibt es zu dieser Zeit nicht. Deshalb setzen die drei Gründer gleichfalls ihre eigenen Ersparnisse ein und bekommen auch noch Geld aus einem Fördertopf vom Staat für ihre innovative Idee.

Diese Doppelstrategie ist bis heute erfolgreich: Konventionelle Arzneimittel und biotechnologisch hergestellte Präparate bilden die wirtschaftliche Grundlage des in Fellbach bei Stuttgart ansässigen Unternehmens mit ca. 75 Mitarbeitern. Das Angebot umfasst aktuell ca. 30 Präparate: Mittel zur Bekämpfung des Krebs bilden den Schwerpunkt. Um es gleich vorneweg zu sagen: Nicht ein Biotechnologie-Präparat beschert dem mittelständischen Pharmaunternehmen den Hauptumsatz, sondern das Spurenelement Selen.

Das Präparat mit dem Namen selenase® wird sowohl in der Intensivmedizin als auch in der Krebstherapie erfolgreich eingesetzt. Im Bereich der Intensivmedizin senkt es nachweisbar die Sterblichkeit der bislang schwer in den Griff zu bekommenden Blutvergiftung (Sepsis) und im Bereich Onkologie wird die Verträglichkeit der Kausaltherapie verbessert. Das kleine Unternehmen ist mit seinen hochdosierten Seleninjektionspräparaten heute Weltmarktführer. Sie werden am Firmensitz in einer eigens entwickelten GMP-Produktionsanlage hergestellt.

Zurück zur Schnecke: Jahrelang hat das Unternehmen an dem Medikament aus der kalifornischen Meeresschnecke gearbeitet. In aufwändiger und mühevoller Forschungsarbeit entwickelte das Biotechnologieunternehmen aus der trüben und blauen Hämolymphe ein Präparat gegen Harnblasenkrebs. Der Wirkstoff senkt die Rückfallquote bei der heimtückischen Krankheit. Die Flüssigkeit wird in den USA gewonnen. Die im Pazifik beheimateten Tiere werden von Tauchern eingesammelt. Nach einer Zeit in Quarantäne werden sie unter Kältenarkose punktiert – um die begehrte Flüssigkeit zu gewinnen. Ein langwieriger Prozess für etwa 100 Milliliter Flüssigkeit, die dann in Deutschland weiterverarbeitet werden. Das benötigte Protein wird aus der Körperflüssigkeit gewonnen. Bis es soweit ist, muss die Flüssigkeit in den Laboratorien in Fellbach gereinigt werden.

„biosyn ist weltweit einer der wenigen Anbieter, der dieses hochgereinigte Glykoprotein in der für den klinischen Einsatz erforderlichen Qualität herstellen kann“, sagt Stiefel, der zusammen mit Kottwitz geschäftsführender Gesellschafter ist. Mit dem Protein besetzt das Pharmaunternehmen einen Nischenmarkt. Es wird von weltweit tätigen Impfherstellern wie beispielsweise Pfizer, Glaxo Smith Kline oder auch Protherics gleichfalls als Trägersubstanz für Impfstoffe verwendet.

„Impfstoffe werden im Kampf gegen Krebs, Bluthochdruck oder auch Alzheimer in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen“, ist sich der Chemiker sicher. Wann ist noch unklar. Vielleicht in zehn Jahren? Auf einen Zeitpunkt will sich Stiefel nicht festlegen. Denn: Die Forschung bei diesen Themen steht am Anfang. Erste Erfolge sind ermutigend. „Dies ist ein Riesenmarkt, den wir dann bedienen werden“, gibt er sich aber zuversichtlich.

Erfolg braucht seine Zeit. Die Forschung im Bereich Biotechnologie ist langfristig ausgelegt. Stiefel macht das am Beispiel der Umsatzentwicklung fest: „Während unsere Gesamtumsätze in den letzten fünf Jahren zwischen 11 und 14 Millionen Euro schwankten, erreichte der Biotech-Umsatz im selben Zeitraum Werte zwischen 0,8 bis 1,2 Millionen Euro.“

Obwohl der Bereich bis heute nicht kostendeckend arbeite, werde biosyn daran festgehalten. Im hart umkämpften Gesundheitsmarkt ist es für ein mittelständisches Pharmaunternehmen nicht immer ganz einfach, sich zu behaupten. Durch Deckelung der Ausgaben und Zwangsrabatte wird es immer schwieriger, den notwendigen Ertrag zu erzielen, um die Forschung finanzieren zu können. „Die Kapitalgeber müssen bereit sein, zugunsten langfristiger Wertsteigerung ihres Unternehmens auf kurzfristige finanzielle Ausschüttungen zu verzichten“, sagt Stiefel. Und da ist gleichfalls wieder Beharrungsvermögen gefragt. Erfolg gibt es manchmal eben nur im Schneckentempo. Wenn das Ziel aber erreicht ist, kann man die Konkurrenz durchaus überholen.