22. April 2008
Interview mit Prof. Dr. Gerhard Schrauzer
Was ist dran am Rummel um Selen?
Das Spurenelement Selen ist derzeit ein beliebtes Gesprächsthema für Gesundheitsbewusste. Es wird nicht nur zur Nahrungsergänzung empfohlen, sondern auch als Arzneimittel bei verschiedenen schweren und lebensbedrohlichen Erkrankungen klinisch eingesetzt. Was von diesem Rummel um Selen zu halten ist, darüber sprachen wir mit Professor Dr. rer. nat. Gerhard Schrauzer. Der Wissenschaftler an der Universität von Kalifornien in San Diego gilt als einer der bedeutendsten Pioniere der biologischen Selenforschung.
Wer bei google das Stichwort Selen eingibt, erhält fast 4,4 Millionen Eintragungen. Was ist dran an diesem Spurenelement, dass es so viel Interesse findet?
Prof. Schrauzer: Das große Interesse an Selen ist berechtigt und meines Erachtens sogar noch zu gering: Denn das Selen ist nicht nur ein lebensnotwendiges Spurenelement, das wir täglich in ausreichender Menge aufnehmen müssen, sondern auch ein wertvolles Arzneimittel. Man setzt es in der Intensivmedizin bei akut lebensbedrohlichen Erkrankungen wie der Sepsis (Blutvergiftung) ein. Auch bei bestimmten chronischen Erkrankungen, wie etwa chronischen Entzündungen der Schilddrüse, und bei bestimmten Formen des chronischen Lymphödems, werden Behandlungserfolge erzielt. Ich darf hinzufügen, dass Deutschland bei der Entwicklung dieser Behandlungsverfahren eine führende Rolle spielte, und Selenpräparate dortselbst schon seit mehr als zwei Jahrzehnten als Arzneimittel zugelassen sind.
Es wird Selen jetzt aber auch schon bei vielen anderen Erkrankungen verschrieben. Ist das notwendig oder eher eine Modeerscheinung — übertreibt man jetzt vielleicht da etwas?
Überhaupt nicht. Denn man hat festgestellt, dass viele Kranke einen mehr oder weniger schweren Selenmangel aufweisen. Bei bestimmten Therapien, z.B. der Strahlentherapie, vermindert sich die Selenretention, d.h. die so behandelten Patienten scheiden vermehrt Selen aus und entwickeln ein Selendefizit, das unbedingt behoben werden muss. Auch bei Dialysepatienten sowie bei Patienten, die über längere Zeit künstlich ernährt werden müssen, ist diese Gefahr gegeben. Früher wusste man das nicht, und es kam zu Todesfällen. In gut geführten Krankenhäusern wird daher der Blutselenspiegel von allen Patienten bei der Aufnahme bestimmt. Wird ein Selenmangel festgestellt, kann der behandelnde Arzt selenhaltige Medikamente verschreiben. In diesem Fall zahlen dann auch die gesetzlichen Krankenkassen dafür.
Was passiert denn bei Selenmangel?
Selenmangel wird oft nicht rechtzeitig erkannt, weil er keine spezifischen Symptome verursacht. Die Betroffenen sind allenfalls stärker anfällig für Infekte, das Abwehrsystem ist geschwächt, sie leiden öfter an chronisch entzündlichen Erkrankungen, fühlen sich schlapp, abgespannt und in depressiver Stimmung.
Selen ist doch in unseren Nahrungsmitteln enthalten. Genügt es denn nicht, ausgewogen zu essen?
Deutschland ist ein Selenmangelland. Die Böden enthalten wenig Selen, daher sind auch die Gemüse und andere Lebensmittel selenarm, so dass man auch bei sorgfältig ausgewogener Ernährung nicht genug Selen bekommt. Das stimmt im Übrigen auch für ein anderes Spurenelement, das Jod. Jodmangel war in Deutschland früher weit verbreitet. Seit geraumer Zeit wird Jod zur Behebung des Mangels dem Speisesalz zugesetzt. Beim Selen tut man das nicht, es muss sich jeder selbst bemühen, die notwendige Menge zu erhalten — mindestens ein Mikrogramm pro kg Körpergewicht. Ich persönlich empfehle die doppelte Menge.
Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Nahrungsergänzungenn, die Selen enthalten, etwa selenase® 200 XXL. Was ist von diesen zu halten?
Nicht alles, was angeboten wird, ist empfehlenswert. Manche Präparate enthalten so ziemlich alle Nährstoffe, darunter auch Selen, aber nur in geringen Mengen, so dass man mit diesen Produkten einen bestehenden Selenmangel nicht beheben kann. Bei diesen Präparaten besteht oft zusätzlich die Gefahr, dass durch Wechselwirkungen mit anderen Bestandteilen die Bioverfügbarkeit des Selens verringert wird. Deshalb empfehle ich Präparate, die nur Selen, und dieses in ausreichender Dosierung enthalten, 100 bzw. 200 Mikrogramm pro Dosierungseinheit, wie etwa das von Ihnen genannte.
Wie soll man Selen am besten einnehmen?
Da Selen ein ‚dynamisches’ Spurenelement ist, d.h, nachdem es vom Körper aufgenommen wird, erfüllt es zwar zunächst seine Funktionen, wird aber im weiteren Verlaufe in biologisch inaktive Formen umgewandelt und alsbald ausgeschieden. Mit anderen Worten: Der Körper kann das Selen nicht, wie dies bei anderen Mineralstoffen der Fall ist, wiederverwerten. Selen muss täglich eingenommen werden, und nicht nur hie und da, was leider viele Leute tun.
Die 1984 gegründete biosyn Arzneimittel GmbH ist eines der ersten deutschen Biotechnologie-Unternehmen mit knapp 80 Beschäftigten in Deutschland und den Niederlassungen in Liechtenstein, Österreich und den USA. Die Produktpalette umfasst ca. 30 Produkte, die von biotechnologisch hergestellten Medikamenten über Chemotherapeutika bis zu komplementären Arzneimitteln und Nahrungsergänzungenn mit dem Schwerpunkt in der Onkologie und Intensivmedizin reichen. Im Mittelpunkt steht dabei der Patient in seiner Gesamtheit. biosyn investiert als forschendes Pharmaunternehmen bis zu 25 Prozent des Umsatzes in die Forschung. Ziel ist die Erforschung, Entwicklung und der Vertrieb von hochwirksamen, nebenwirkungsarmen Arzneimitteln auf Basis neuer molekularbiologischer Erkenntnisse.