03.03.2009

Interview: Wochenbettdepression - Lässt sie sich vermeiden?

Interview mit Professor Dr. med. Heinz G. Bohnet

Der Hamburger Endokrinologe und Gynäkologe Professor Dr. med. Heinz G. Bohnet gilt als Schilddrüsen-Experte in der Frauenheilkunde. Er hat einen Zusammenhang zwischen dem Mangel an Selen und Wochenbett-Depressionen festgestellt, unter denen gut zehn Prozent aller jungen Mütter zu leiden haben. Wir fragten Prof. Bohnet:

Was raten Sie angesichts Ihrer Untersuchungsergebnisse jungen Frauen, die Mütter werden wollen?

Mein Rat ist eindeutig. Sie sollten auf eine ausreichende Selen- und Jodversorgung achten und ihren behandelnden Arzt darauf ansprechen. Das ist wichtig für die Entwicklung des Kindes und den Verlauf der Schwangerschaft.

Was hat eine Wochenbett-Depression mit der Schilddrüse zu tun? 

Sehr viel. Schilddrüsenhormone beeinflussen die Stimmungslage. Wird zu wenig Schilddrüsenhormon gebildet oder wird mehr gebraucht, als der Körper produzieren kann, was in der Schwangerschaft regelmäßig der Fall sein kann, treten solche Stimmungsschwankungen auf. Dies wird bei vielen Frauen unmittelbar nach der Geburt besonders deutlich: Sie leiden unter der Wochenbettdepression. Bei ihnen findet man auffällig niedrige Selenspiegel im Blut. Denn die Hormonproduktion hängt von einer ausreichenden Jod- und Selenversorgung ab. Selbst bei einer guten Jod- und Selenversorgung vor der Schwangerschaft reicht der körpereigene Vorrat allenfalls drei Monate.

Wie hängen Schilddrüsenhormone und Selen zusammen?

Die Schilddrüse besitzt von allen menschlichen Organen den höchsten Selengehalt.

Selen ist ein lebensnotwendiges Spurenelement, das zusammen mit Jod für die ungestörte Funktion der Schilddrüse sorgt. Ist zu wenig vorhanden, laufen wichtige hormonelle Vorgänge nicht richtig ab, und die Schilddrüse wird geschädigt.

Selen ist nicht nur für die Aktivierung der Schilddrüsenhormonvorstufe Thyroxin, T4, zum biologisch wirksamen Hormon Trijodthyronin, T3, notwendig, sondern ist auch an der Hormonproduktion in der Schilddrüse selbst beteiligt. Dort schützen selenhaltige Enzyme die Schilddrüsenzellen vor gewebeschädigenden Sauerstoffverbindungen, den so genannten freien Radikalen.

Fehlt Selen, sinkt die Schilddrüsenhormonproduktion, weil die Umwandlung aus der Hormonvorstufe in die aktive Form stockt. Bei Selenmangel verschlechtert sich darüber hinaus der Zellschutz, weil freie Radikale nicht mehr optimal abgefangen und damit unschädlich gemacht werden.

Weil das Kind im Mutterleib bereits Selen braucht, nimmt der Selenspiegel der Mutter ab. Besonders nach der Geburt kommt es dann im Wochenbett zur Manifestierung oder Verschlechterung einer Hashimoto-Thyreoiditis  und Abfall der Schilddrüsen-Hormone. 

Was müssen schwangere Frauen beachten, die bereits an einer chronischen Entzündung der Schilddrüse leiden?

Bei Schwangeren, die bereits an einer chronischen Unterfunktion der Schilddrüse leiden, wie der Hashimoto-Thyreoiditis, und daher stets zu wenig Schilddrüsenhormon bilden, ist das Risiko einer Wochenbettdepression deutlich erhöht. Diese chronische Entzündung wird heute auf Selenmangel zurückgeführt. Selen muss, da es nicht vom Körper selbst gebildet werden kann, durch Einnahme entsprechender Präparate zugeführt werden. 

Wie viel Selen sollte die Schwangere täglich einnehmen, und wie lange nach der Entbindung ist die Einnahme nötig?

Bei Gesunden reichen 50 bis 100 Mikrogramm Selen am Tag aus. Frauen mit chronischer Schilddrüsenentzündung sollten – je nach Selenspiegel im Blut – 100 bis 300 Mikrogramm zu sich nehmen und zwar am besten anorganisches Natriumselenit: Es ist optimal verwertbar und zeichnet sich durch einen zielgerichteten Einbau in die betreffenden Schutzsysteme bzw. selenhaltigen Eiweiße aus. Was nicht benötigt wird, wird auch wieder ausgeschieden – im Gegensatz zu organischem Selen, das sich möglicherweise anreichert. 

Wie sollte Selen eingenommen werden?

Am besten mit einem Schluck Wasser, eventuell zusammen mit einem Schilddrüsen-Hormonpräparat.

Bei welchen anderen Schilddrüsenproblemen ist eine dauerhafte zusätzliche Selengabe zu empfehlen?

Bei jeder Form einer Schilddrüsenerkrankung. Die Empfehlungen für die tägliche Zufuhr reichen von 100 bis zu 300 Mikrogramm Selen. Die jeweils angemessene Dosierung richtet sich nach der individuellen Stoffwechsellage, die der behandelnde Arzt durch eine Laboruntersuchung feststellen kann. Danach kann er die Schilddrüsenhormon-Medikation optimal durch die Selengabe ergänzen.